Hinter den Kulissen

Ein fiktives Engagement

Ich freue mich über eine Anfrage für eine kirchliche Trauung. Das Brautpaar fragt auch, ob ich ein bestimmtes Lied für sie singen könnte. Ich prüfe den Termin, die Anfahrt und recherchiere im Internet über die Kirche. Das gewünschte Lied, welches ich bis dahin noch nicht kannte, höre ich mir im Internet an. Ich kann es mir gut vorstellen, muss es aber erst ein paar Mal mitsingen. Gibt es dafür eigentlich ein gutes, rauschfreies und käufliches Playback?

Ich durchforste diverse Anbieter und werde fündig. Freudig schreibe ich dem Brautpaar, das ich den Wunschsong für sie singen kann und alles so klappt wie sie es sich wünschen. Das Brautpaar fragt nach einem persönlichen Treffen. Ich vereinbare einen Termin. 2 Stunden habe ich dafür investiert.

5 Emails sowie 35 km Anfahrt später besuche ich die Beiden zu einem Beratungsgespräch. Das junge und mir sehr sympathische Brautpaar hat eine vage Vorstellung von ihrer Trauung und ich freue mich die beiden unterstützen zu können. Ich zeige ihnen mein Repertoire, lasse sie Hörproben hören, Texte lesen und am Ende legen sie zufrieden Liedauswahl und Ablauf fest. Ich fahre mit einem guten Gefühl und einer gewissen Vorfreude auf die Trauung wieder nach Hause – schön!
3 Stunden war ich unterwegs.

Abends schreibe ich noch das Angebot und schicke es gleich raus. Dann kaufe ich noch schnell das Playback für den gewünschten Lieblingssong. Es stellt sich heraus, das Playback hat ein viel zu langes Intro und so ein komisches Rauschen am Anfang. Leider kann man das vorher anhand einer kurzen Hörprobe nicht erkennen. So kann ich es jedenfalls nicht verwenden. Ich bearbeite und schneide das Playback mit einer speziellen Software. 1,5 Stunden dauert das.

Gleich am nächsten Tag mache ich mich daran das neue Lied einzustudieren und die anderen Songs aufzufrischen. Ich übe sie fast jeden Tag. Einige Tage später schreibt das Brautpaar, sie hätten über den Ablauf noch einmal nachgedacht und möchten an der einen Stelle doch ein anderes Lied und ob ich ihnen eines empfehlen könnte.

Ich mache mir nochmal Gedanken und schlage einige Alternativen vor. Von dem einen Lied hätten sie gerne eine Hörprobe. Genau dazu habe ich keine – woher nehmen, wenn nicht aufnehmen?! Ich setzte mich hin, schließe mein Mikrofon an und fange an aufzunehmen. Ein paar Anläufe braucht es schon um eine gute Hörprobe zu bekommen, man ist ja auch nicht immer gleich eingesungen. Hörprobe bearbeiten, schneiden und senden. Wir werden uns einig und vier weitere Stunde Bearbeitungszeit sind vergangen.

Der Termin der Trauung rückt näher, das Programm steht! Die Kirche habe ich mir vorsichtshalber vorher angeschaut. Wie ist die Akkustik? Wo baue ich mich am besten auf? Woher bekomme ich den Strom? Passt die Lautsprecherbox überhaupt über die Emporenstiege?
Eine Stunde Fahrt und ein paar Minuten Aufenthalt.

Ich übe fleißig, überprüfe mein Equipment und mache zuhause einen Tag vor der Trauung einen Probeaufbau der PA: Funktioniert alles? Alle Kabel da? Akkus geladen? Playlist auf dem Smartphone ist zusammengestellt und läuft? Lautstärken passen? – Ok! Am nächsten Tag verstaue ich meine Anlage nebst Noten- und Mikroständer, Kabeltrommel und –koffer und einiges mehr im Auto. Schnell noch in Schale werfen, Makeup und Haare richten, das Navi einstellen und schon kann es losgehen. Weitere 2 Stunden Aufwand.

Ich habe eine Anfahrt von 30 Minuten, diese nutze ich für weitere Einsingübungen. Wie vereinbart bin ich eine Stunde vor der Trauung vor Ort. Noch vor den ersten Gästen möchte ich mit dem Soundcheck fertig sein. Ich bringe alles in Etappen vom Auto in die Kirche über die kleine schmale Treppe hoch auf die Empore. Mein Auto muss ich noch umparken. Ich bin aufgeregt – ob auch alles klappt? Ich ziehe Kabel von hier nach da und treffe eine letzte Absprache mit Mesner/in und Pfarrer.

Die Trauung verläuft wunderbar und nach einer Stunde fällt mir ein Stein vom Herzen. Das Brautpaar zieht überglücklich zu meinen letzten Klängen aus der Kirche. Ich ziehe alle Stecker, rolle Kabel auf, räume Koffer ein und versuche im Hintergrund, vorbei an der gratulierenden Hochzeitsgemeinde, mein Equipment wieder etappenweise zu meinem entfernten Parkplatz zu bringen.

Natürlich gratuliere und verabschiede ich mich noch, dabei steckt mir der Bräutigam meine Gage zu – sie sind überglücklich! Ich unterhalte mich noch mit einigen Gästen und trete die Heimreise an. Nach 3,5 Stunden bin ich wieder zuhause und freue mich über den gelungenen Auftritt.

Ich bringe mein Equipment wieder ins Haus und frage mich:
„Warum denken doch einige Menschen ich sei zu teuer?“